Es wird oft als "Wohlstandskrankheit" abgetan: Das Pferd ist "etwas zu dick", hat einen Speckhals und ist faul. Doch hinter dem Equinen Metabolischen Syndrom (EMS) steckt keine Gemütlichkeit, sondern eine ernstzunehmende hormonelle Entgleisung. Es ist der Vorbote des tödlichsten Feindes unserer Pferde: der Hufrehe.
EMS ist vergleichbar mit dem Typ-2-Diabetes beim Menschen. Es ist eine Kombination aus Fettleibigkeit (Adipositas), Insulinresistenz und einer erhöhten Anfälligkeit für Entzündungen im Huf. Die gute Nachricht: Da es eine "Lifestyle-Erkrankung" ist, haben wir als Besitzer die Macht, sie umzukehren.
Der Kern des Problems: Insulinresistenz
Insulin ist der Schlüssel, der den Zellen die Tür öffnet, damit Zucker (Energie) aus dem Blut hineingelangen kann. Bei einem gesunden Pferd funktioniert das reibungslos.
Bei EMS funktioniert dieses Schloss nicht mehr richtig. Das Pferd frisst Zucker (Gras, Müsli, Karotten), der Blutzuckerspiegel steigt, aber die Zellen nehmen die Energie nicht auf. Die Bauchspeicheldrüse gerät in Panik und schüttet noch mehr Insulin aus. Das Ergebnis: Ein dauerhaft überhöhter Insulinspiegel im Blut. Und genau dieses überschüssige Insulin ist toxisch für die Lamellen im Huf.
Woran erkenne ich EMS?
Nicht jedes dicke Pferd hat EMS, und nicht jedes EMS-Pferd ist extrem fett. Achte auf diese Warnsignale:
- Fettdepots: Typische Polster am Mähnenkamm ("Speckhals"), an der Schweifrübe oder hinter der Schulter.
- Fühligkeit: Das Pferd läuft auf hartem Boden "klammer" als sonst.
- Heißhunger: Das Pferd wirkt ständig hungrig, nimmt aber trotz wenig Futter nicht ab ("leichtfuttrig").
Management: Den Stoffwechsel resetten
Es gibt keine Pille gegen EMS. Die Therapie besteht aus drei harten, aber wirksamen Säulen:
1. Radikale Zucker-Reduktion
Weg mit Müsli, Äpfeln, Leckerlis und Brot. Die Basis ist gewaschenes Heu (um den Zuckergehalt zu senken) oder Heu mit einem analysierten Zuckergehalt unter 10%. Weidegang ist für EMS-Pferde oft tabu, bis die Werte wieder normal sind.
2. Bewegung (ohne Reiter)
Muskeln sind die größten Zucker-Verbrenner im Körper. Wenn das Pferd keine akute Rehe hat, ist Bewegung Pflicht. Aktive Schrittarbeit, Longieren oder Spaziergänge kurbeln den Stoffwechsel an und verbessern die Insulinsensitivität.
3. Entzündungen senken
Fettgewebe ist nicht inaktiv. Es ist ein hormonell aktives Organ, das ständig Entzündungsbotenstoffe aussendet. Um diesen Teufelskreis zu durchbrechen, setzen Longevity-Experten auf Omega-3-Fettsäuren.
Studien zeigen, dass EPA und DHA (aus Algenöl) die Zellwände geschmeidiger machen. Das "Schloss" für das Insulin funktioniert wieder besser, und die systemische Entzündung sinkt. Wichtig: Leinöl reicht hier oft nicht aus, da die Umwandlung zu EPA/DHA beim Pferd ineffizient ist.
Fazit
EMS ist ein Warnschuss. Wenn du ihn hörst und handelst – durch Diät, Training und gezielte Supplementierung – kannst du deinem Pferd die schmerzhafte Hufrehe ersparen und ihm ein langes, aktives Leben schenken.